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Preseason: Anders, aber wichtig!

Die Preseason – für die meisten Football-Fans ein unnötiges Übel, dass so schnell wie möglich verkürzt gehört. Und doch haben die vier Spiele, die jedes Team vor Beginn der Regular Season spielen muss (fünf, wenn man im Hall of Fame Game ran darf), ihre Daseinsberechtigung. Man muss sich bloß vor Augen führen, was die Preseason ist – es sind Vorbereitungsspiele auf die reguläre Saison. Entsprechend braucht man bei einem Preseason-Spiel eine andere Herangehensweise, als bei einem Spiel in der Regular Season. Denn Preseason ist anders und dennoch wichtig. Wie anders, werde ich nun versuchen aufzuführen und dabei auch ein paar Beispiele aus der (jüngeren) Preseason-Geschichte der Cowboys bringen. Zu der Wichtigkeit komme ich dann später.

 

1. Es wird nur mit eingeschränkter Taktik gespielt.

Die Coaches begeben sich hier auf ein sehr dünnes Drahtseil. Denn zum einen ist die Preseason die ideale Zeit, um neue taktische Finessen auszuprobieren oder einzustudieren, doch gleichzeitig gibt man dadurch den Scouts und Coaches anderer Teams die Möglichkeit, sich diese neuen Taktiken anzugucken und Gegenmaßnahmen zu erdenken. Entsprechend halten sich Coaches eher zurück, versuchen, nur Standard-Spielzüge spielen zu lassen.

Als Beispiel gibt es die Cowboys vor der Saison 2010. In der Preseason spielten sie gegen die Texans und wurden mit einer deftigen 7-23 Klatsche wieder nach Hause geschickt. Aus den ersten acht Spielen der Regular Season konnten die Cowboys dann gerade mal eines gewinnen – gegen die Texans. Und das auch recht deutlich mit 27-13. Nach dem Spiel gaben dann die Cowboys an, wie sie das Preseason-Spiel weitestgehend abgeschenkt haben, während die Texans ein bisschen was ausprobiert haben. Daher konnten sich die Cowboys eine Taktik überlegen, um gegen die Texans erfolgreich zu sein, während die Texans ihrerseits überrascht wurden.

 

2. Die Coaches wollen die Spiele nicht unbedingt gewinnen, sondern wollen sehen, wie sich ihre Spieler in bestimmten Situationen machen.

Gerade für junge Spieler ist die Preseason wichtig. Sie können im Training noch so viel Gas geben, solange sie nicht auf dem Spielfeld zeigen, was sie draufhaben, werden sie es kaum ins Team schaffen. Das wissen natürlich auch die Coaches, was dazu führen kann, dass bestimmte Spielsituationen künstlich erzeugt werden, auch wenn dadurch die Siegchancen verringert werden.

Beispiel: Zu Zeiten von Bill Parcells hatten die Cowboys in einem Preseason-Spiel (ich weiß nicht, welches Spiel es war, da ich die Geschichte auch nur aus einer Erzählung kenne) eine 3rd & 1 Situation und Parcells sagt eine lange Bombe an. Der Pass kommt nicht an und es wird ein Field Goal aus knapp über 50 Yards gekickt. Nach dem Spiel wurde er gefragt, warum der lange Pass angesagt wurde und seine Antwort war, dass er hoffte, der Pass würde nicht ankommen, damit er mal sehen kann, wie sein Kicker mit einem Field Goal aus der Distanz zurechtkommt.

 

3. Es soll sich niemand verletzen.

Jeder Spieler, der auch nur ansatzweise angeschlagen ist, kommt nicht zum Einsatz, damit sich keine schlimmere Verletzung ergibt. Das bedeutet dann auch, dass die wichtigsten Spieler die wenigste Einsatzzeit bekommen. Womit wir wieder bei den automatisch verringerten Siegchancen wären.

Ein Beispiel werde ich hier jetzt nicht anbringen, denn dieses Phänomen kann man in jedem Spiel jeder Woche jeder Preseason sehen.

 

Damit wären wir bei der Wichtigkeit. Die Preseason ist wichtig, damit sich bestimmte Mannschaftsteile unter Wettbewerbsbedingungen einspielen können. Sie ist wichtig, damit junge, unerfahrene Spieler zeigen können, wie gut sie sind oder sein können. Sie ist wichtig, damit ältere Spieler aus dem zweiten Glied zeigen können, dass man sie nicht vergessen sollte. Und sie ist wichtig bis zum letzten Snap des letzten Spiels, also sollte man besser nicht vorher abschalten. Hier wieder zwei Beispiele aus der Cowboys-Historie:

 

1. Der traurige Fall des Raymond Radway.

Ein Wide Receiver von der kleinen Abilene Christian University, der aufgrund unsicherer Fanghände 2011 nicht gedrafted wurde. Die Cowboys gaben ihm dennoch eine Chance, schließlich brachte er eine gute Größe (6‘3‘‘) und als ehemaliger Sprinter eine starke Athletik mit. Und dann fing er im Camp auf einmal alles, das in seine Richtung flog. In der Preseason ging es genauso weiter mit ihm. Es galt schon als sicher, dass er es ins Team schafft. Doch dann kam das letzte Preseason-Spiel gegen die Miami Dolphins – und der letzte Spielzug des Spiels. Die Cowboys liegen hinten und versuchen nochmal eine lange Bombe in die Endzone, wo Radway auf den Ball wartete. Er sprang hoch, konnte den Ball nicht fangen und landete dann so unglücklich, dass er sich sein Schien- und Wadenbein brach. Saison vorbei!

Im kommenden Sommer war er immer noch nicht bei hundert Prozent und konnte den Roster nicht schaffen. Daraufhin versuchte er sich im Practice Squad der Bears und steht nun bei den Rams unter Vertrag. Ich wünsche ihm mit aller Kraft, dass er es in St. Louis in den 53 Kader schafft. Verdient hätte er es.

 

2. Der deutlich glücklichere Fall des Tony Romo.

Heute kaum zu glauben, aber es gab eine Zeit, da hatte Romo seinen Platz im Kader nicht sicher. In der Preseason 2004 hatte er ein richtig schlechtes Spiel gegen die Texans (3/11, 37 Yds, 2 INT) und sein Standing unter Parcells war nicht gerade das beste. Eine Woche später kam er gegen die Raiders bei einem Rückstand von fünf Punkten im vierten Viertel ins Spiel. Er führt die Mannschaft über das gesamte Feld bis an die Ein-Yard-Linie. Von der Seitenlinie kommt die Ansage, den Ball zu spiken, um die Uhr anzuhalten, doch Romo hat eine andere Idee. Er sagt einen „QB Draw“ an und läuft den Ball zur Führung in die Endzone. Bill Parcells zeigte sich von seinem jungen Quarterback beeindruckt und wer weiß, was passiert wäre, hätte es diesen Drive mit diesem Abschluss nicht gegeben.

 

Preseason ist also wichtig. Entsprechend sollte man sich zumindest ein paar Spiele und gerade die Spiele der „eigenen“ Mannschaft angucken. Aber man sollte nicht darauf achten, welches Team mit welcher Taktik spielt oder wer am Ende gewinnt. Man sollte sich die einzelnen Spieler angucken. Wer schlägt sich wie? Und wer ist der „nächste Tony Romo“? Ist es Jeff Tuel? Man wird es wohl nur erfahren, wenn man sich mehr Preseason-Spiele anschaut. Ich werde es tun und immer hoffen, dass sich niemand schwer verletzt.

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